Mittwoch, 18. Juli.
Das war wieder ein Tag...
Am Morgen hieß es früh aufstehen. Auf Papiamento bedeutet das: 9:00 Uhr klingelt der Wecker. Ich hörte Edwina wie immer 3 mal auf Snooze drücken, ehe sie gegen 9: 40 Uhr ins Bad wankte. Marrybelle, die gute Seele wirbelte schon seit halb sechs durch das Haus und hatte uns ein leeeckeres Frühstück kreiert. Es duftete nach Café und frischen Pancakes mit Ahornsirup. Edwina bekam den Teller mit Pfannkuchen sogar an ihren Lieblingssessel geliefert, wo sie sich hinter einem Stapel Zeitungen vergraben hatte. Jamiel und Shanon schliefen noch, Hodge schmatzte genüsslich seine Zahnputzknochen und so waren erstmal alle glücklich. Gegen 11: 00 Uhr verließen wir das Haus. Das Westin und das Occidental Hotel hatten je eine Hochzeit am Abend. Dafür hatten sie Stoffe und Dekoration bei Edwina bestellt, die ihre Utensilien regelmäßig an die großen Hotelketten in Aruba vermietet. Auf dem Weg dorthin quetschte ich wie immer in dem riesigen Van von Edwina auf meinem Sitz. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, beim Einsteigen alles auf meinem Schoß abzuladen, was sie in den Händen hielt. Und da sie nie mit weniger als drei Taschen, mindestens fünf Briefumschlägen, ihrem Beautycase und nun auch noch den zu liefernden Stoffen aus dem Haus ging, war das ne ganze Menge. Ich umklammerte die zwei Pappkartons, die mir die Sicht auf die Straße versperrten und bei jedem Schlagloch an meine Nase schlugen. Auf einmal holperte irgendwas und Edwina fuhr einen Schlenker der nicht nach Schlagloch aussah. Etwas emotionslos fügte sie hinzu: "Hups. Hab n Gecko überfahren."
Der obere Karton hatte sich verabschiedet. Ich kam jedoch nicht dazu, mich wieder zu ordnen, da Edwina nun nach ihrem Telefon verlangte- das natürlich ganz unten in ihrer Handtsche lag. Ich tauchte in die Tiefen des KIA und angelte nach dem verdammten Ding. Dann bat sie mich, Diane, die Fotografin, Jenni, die Stylistin und danach die Rezeption vom Westin anzurufen. Natürlich hatten alle drei eine Nachricht für mich, die aufgeschrieben werden sollte. Ich kritzelte kurzerhand ein paar Nummern auf die Pappkartons vor meinem Gesicht. Dann kamen wir endlich am Hotel an. "Claudia: The blue sashes to Patrick, the candles to Miriam." lautete mein Auftrag. Hierzu muss man wissen, dass die Katakomben im Untergeschoss eines Westin für Außenstehende einem Labyrinth gleichen- und ich natürlich keine Ahnung hatte, wer die beiden Leute waren. Deswegen sprach ich wahllos irgendwen an, der mir im Gang begenete und geriet zufällig an den besagten Patrick. Miriam war seine Chefin, zu der er mich nun führte. Wir unterhielten uns ein wenig und nach Kurzem war das ganze Büro um den Tisch der Chefin versammelt und ludt mich zum Tee ein. Ich lehnte dankend ab und machte mich auf den Rückweg zu Edwina, die wie immer mit dem Heck schon halb in der Lobby parkte und bereits ungeduldig die Scheibe runterkurbelte. Das Spiel wiederholte sich im Occidental und schließlich dem Radisson Hotel, bis wir alle Lieferungen abgeschlossen hatten.
Nun war erstmal gemütlich Mittagessen angesagt. Edwina überlies mir die Entscheidung und so kehrten wir im Romas ein. Dort gab es Argentinisches Rinderfilet, Salat und Tortillas. Während des Essens philosophierte Edwina über das Phänomen Seife. Sie berichtete mir stolz von ihrem Patent, Flüssigseife mit Wasser zu vermischen und sie somit länger verwenden zu können. Auffällig sei, dass seither jeder mindestens vier mal auf den Seifenspender drücken würde, anstatt sonst zwei mal. Nun wollte sie meine Meinung zu dem Thema wissen. Ich riet ihr dazu, Seife im Stück zu kaufen. Damit war das Thema beendet.
Zu Hause angekommen waren Jamiel und Shanon inzwischen in Aktion getreten und hatten alle Stühle, Bambusstangen und Werkzeuge aus dem Container geholt. Die Strandhochzeit an diesem Tag sollte am Manchebo Beach, meiner Lieblingslocation, stattfinden (s. Bilder bei studi). Das Hotel hat einen traumhaften Strand und direkt daneben einen großen Pavillon, in dem später am Abend das Buffet und der Tanz stattfand.
Ab halb drei Uhr nachmittags hieß es aber erstmal schuften...
Ich buddelte Löcher im Sand für die Bambusstangen, half beim Drapieren des Bamboo Arch, stellte die Stühle auf, legte Hussen und Schleifen um sie herum, harkte den Sand glatt, machte Bilder, lief im Eiltempo zum Pavillon zurück, stellte Kerzen, Tischkärtchen und Keksdosen auf die Tische, rannte ins Kühlhaus um die Hochzeitstorte zu holen, erkundigte mich nach dem Stand des Buffets, ließ ein Taxi für den DJ rufen, der unterwegs ne Panne hatte und rannte dann wieder zurück zu Edwina die abwechselnd nach einem Glas Cola, einem feuchten Wattepad, Paracetamol oder ihrem Telefon verlangte...
Wenig später kamen der Musiker und mein Lieblingsmitarbeiter: Reverend Gibbson! Immer wenn ER auftaucht, kann man davon ausgehen, dass nicht der jüdische Rabbi gebucht worden war. Gibbson freute sich auch und begrüßte mich mit einem strahlenden: Bon dia, Beautiful!
Dann ging der Streß los. Die ersten Gäste kamen, ich hatte noch keine Zeit gehabt, meine Sachen zu wechseln. Edwina war gerade auf der Toilette um sich umzuziehen und hatte in der Aufregung ihr Beautycase vergessen. Sie rief mich auf dem Handy an und verlangte nach ihren Erfrischungspasten... Mit der pinkfarbenen XXL- Tasche in der Hand schlengelte ich mich so dezent wie möglich zwischen den Gästen hindurch und rannte zu den Restrooms. Wir halfen uns beim Anziehen, sobald eine die Hand frei hatte, sprühte sie sich selbst und die andere mit Parfum und irgendwelchem Erfrischungsspray ein. Während ich an dem Reisverschluss von meinem Kleid zerrte, war Edwina daran, meine Haare zu flechten und sich nebenbei die Lippen anzumalen. Dann sahen wir uns an, atmeten tief durch und mit den Worten: Come on, Beautiful, it's showtime! winkte sie mich nach draußen.
Im Eingangsbereich nahm ich die inzwischen eingetroffen Brautleute in Empfang und geleitete sie hinunter zum Strand, wo die Zeremonie begann. Gibbson übertraf sich wieder mal selbst. Er verschaffte uns außerdem eine halbe Stunde Zeit, in der die Gäste der Zeremonie folgten und anschließend Fotos vom Brautpaar und dem Sonnenuntergang machten.
Währenddessen scheuchten Edwina und ich die Kellner an den Strand, wo nun die Cocktailparty stattfand. Zwei der jungen Kellnerinnen waren neu. Eine ließ prompt ein ganzes Tablett mit Champagner fallen. Leise schimpfend beseitigte Edwina das Malheur und schickte mich in die Küche um ein neues Tablett zu holen.
Während der Cocktailparty am Strand hatte ich die Aufgabe, niemanden von den Gästen in den Pavillon zu lassen, der nun für das Abendessen hergerichtet wurde. Meine Qualitäten als Security waren allerdings nicht so das Wahre... Gegen Sieben wurden die Gäste gebeten, ihre Plätze einzunehmen. Mit Ausnahme der Brauteltern und dem frisch verheirateten Paar. Diese wurden nun nacheinander angekündigt und unter dem Applaus der Gäste mit Musik an ihren Platz geleitet. Bevor der Ansturm auf das Buffet beginnen konnte, kam mein Lieblingspart: The first dance and the last Dance mit den Eltern... Sehr romantisch...
Nach einer kurzen Rede gab es endlich was zu essen- nicht jedoch für das Personal. Da ich inzwischen solch einen Hunger hatte, lief ich zum Souvenirladen im Hotel und kaufte mir ein Bounty... Immerhin. Natürlich lief mir auf dem Rückweg Shanon vor die Nase und fragte irgendwas. Ich kaute gerade mit vollem Mund die Schokolade hinunter, er lief kopfschüttelnd weiter.
Während meiner Abwesenheit war dem DJ der Computer abgestürzt. Ein neuer Laptop musste her und zwar so schnell wie möglich. Einer der Gäste, ein Chinese, war angeblich mit einem solchen ausgestattet. Nur konnte ihn keiner finden. Ich ahnte schon, dass ich mir damit einen neuen Job gefangen hatte, als prompt mein Handy klingelte. "Claudia, hol mir den Chinesen!" Geht klar. Das Hotel hat auch nur 800 Betten. Ich schoss los- und wurde abrupt von Gibbson festgehalten. "Ich würde da nicht langlaufen, junges Fräulein", sagte er und zeigte auf einen Stein. Mir brach der kalte Schweiß aus, als ich den Skorpion sah. Langsam reichte es für diesen Tag. Zum Glück lief mir in der Lobby besagter Chinese in die Arme und rettete mit seiner Technik den Abend. Edwina hingegen saß bereits mit hochrotem Kopf in einer Ecke und formulierte einen Beschwerdebrief an das Musikunternehmen.
Das war DIE Gelegenheit, ein wenig von dem Buffet zu naschen. Die gute alte Maria, Chefköchin des Manchebo, beobachtete meine heimlichen Versuche und schob mich entschlossen zur Seite. Beleidigt zog ich mich an den Strand zurück. Zwei Minuten später kam mir Gibbson hinterher. Er sei von Maria geschickt worden. In der Hand hielt er zwei große Teller. Auf dem einen leuchteten gebratener Lachs und frisches Gemüse. Auf dem anderen hatte Maria Früchte und drei riesige Stücken NewYork Cheesecake aufgetürmt. Als mir der Kellner dann noch ein Glas eisgekühlten Cranberrysaft brachte, war ich im Himmel. Das warme Meer rauschte über meine Füße, der Sand war so weich und über mir leuchteten die Sterne. Aus dem Pavillon kam wunderbare Musik, ganz im Norden der Insel blinkte der Leuchtturm und kein Mensch war am Strand. Etwas wehmütig dachte ich daran, dass meine Zeit in diesem Paradies schon bald vorrüber sein würde. Im selben Moment schwor ich mir aber, irgendwann wieder zu kommen.
Nun war es an der Zeit, zur Feier zurückzukehren. Dort rempelte mich die junge Kellnerin, die am Nachmittag das Tablett hatte fallen lassen an und meinte: Edwina ist kurz zur Bank gefahren... Dann drückte sie mir mit einem Zwinkern ein Glas Rum in die Hand und brüllte: Cheers!!!
Es war eine großartige Feier.
Völlig erschöpft bauten Shanon, Victor, Maria, Jenni und ich in der Nacht das Setup ab, sammelten alle Utensilien wieder ein und fuhren dann nach Hause. Edwina war wieder einmal sehr zufrieden mit allem und wir anderen waren es auch. Mittlerweile sind wir so ein tolles Team, alle verstehen sich super, es macht richtig Spaß. Das wurde daheim bei einer gemütlichen Tasse Tee gefeiert. Dann fielen alle ins Bett...